DAS VERMÄCHTNIS DES DRACHENREITERS
Wach auf, Eragon. Er regte sich stöhnend. Ich brauche deine Hilfe! Irgendetwas stimmt nicht! Eragon versuchte, die Stimme zu ignorieren und weiterzuschlafen.
Steh auf!
Lass mich zufrieden, grummelte er.
ERAGON! Ein lautes Brüllen erschallte in der Höhle. Er fuhr ruckartig hoch und tastete nach seinem Bogen. Saphira beugte sich über Brom, der von der Felsplatte gefallen war und sich wie von Sinnen auf dem Höhlenboden hin und her wälzte. Sein Gesicht war verzerrt; die Hände waren zu Fäusten geballt. Eragon stürzte zu ihm, das Schlimmste befürchtend.
»Hilf mir, ihn festzuhalten. Er wird sich noch verletzen!«, rief er Murtagh zu und packte Broms Arme. Seine Rippen brannten schmerzhaft, während der alte Mann sich weiter hin und her warf. Gemeinsam hielten sie Brom fest, bis seine krampfartigen Zuckungen aufhörten. Dann hoben sie ihn behutsam zurück auf die Felsplatte.
Eragon fühlte Broms Stirn. Die Haut war so heiß, dass die Hitze schon aus einigen Zoll Entfernung zu spüren war. »Bring mir Wasser und ein Tuch«, sagte er besorgt. Murtagh tat wie geheißen, und Eragon wischte sanft Broms Gesicht ab, um ihn abzukühlen. Als es in der Höhle wieder still wurde, bemerkte er, dass draußen die Sonne schien. Wie lange haben wir geschlafen?, fragte er Saphira.
Ziemlich lange. Ich habe Brom die ganze Zeit im Auge behalten. Alles war in Ordnung, bis vor einigen Minuten die Krämpfe begannen. Ich habe dich geweckt, als er auf den Boden fiel.
Eragon streckte sich und zuckte zusammen, als seine Rippen schmerzhaft stachen. Plötzlich packte eine Hand seine Schulter. Brom öffnete die Augen und starrte Eragon mit glasigem Blick an. »Du!«, keuchte er. »Bring mir den Weinschlauch!«
»Brom?«, rief Eragon aus, froh, ihn reden zu hören. »Du solltest jetzt keinen Wein trinken; das würde deinen Zustand nur verschlechtern. «
»Bring mir den Wein, Junge - mach schon ...«, stöhnte Brom. Seine Hand rutschte von Eragons Schulter.
»Warte, ich bin gleich zurück.« Eragon stürzte zu den Satteltaschen und durchsuchte sie fieberhaft. »Ich finde ihn nicht!«, rief er und sah sich verzweifelt um.
»Hier, nimm meinen«, sagte Murtagh und reichte ihm seinen Weinschlauch.
Eragon nahm ihn und eilte zu Brom zurück. »Hier ist der Wein«, sagte er und kniete nieder. Murtagh verschwand zum Höhlenausgang, um sie allein zu lassen.
Broms nächste Worte waren leise und kaum zu verstehen. »Gut ...« Er hob schwach den Arm. »So ... jetzt wasch damit meine rechte Hand.«
»Was ...?«, wunderte Eragon sich.
»Keine Fragen - ich habe keine Zeit mehr.« Verdutzt öffnete Eragon den Weinschlauch und schüttete die Flüssigkeit auf Broms Handfläche. Er rieb damit die Haut des alten Mannes ein, die Finger, den Handrücken. »Mehr«, krächzte Brom. Eragon schüttete ihm abermals Wein in die Hand. Er rubbelte kräftig und plötzlich begann sich eine braune Farbschicht von Broms Hand zu lösen. Er hielt verblüfft inne und starrte sie mit offenem Mund an. Auf Broms Handfläche prangte die Gedwëy Ignasia.
»Du bist ein Drachenreiter?«, fragte er ungläubig.
Ein schmerzliches Lächeln huschte über Broms Gesicht. »Einstmals bin ich einer gewesen ... heute nicht mehr. Als ich jung war … jünger als du heute ... haben die Drachenreiter mich zu sich geholt, haben mich auserwählt. Während meiner Lehrzeit freundete ich mich mit einem anderen Schüler an ... mit Morzan, bevor er ein Abtrünniger wurde.« Eragon stockte der Atem - das war mehr als hundert Jahre her. »Aber dann verriet er uns an Galbatorix ... und bei der Schlacht in Dorú Areaba - die Stadt auf Vroengard - wurde mein junger Drache getötet. Ihr Name war ... Saphira.«
»Warum hast du mir das nicht schon früher erzählt?«, fragte Eragon leise.
Brom lachte heiser. »Weil dazu kein Grund bestand.« Er verstummte. Sein Atem ging mühsam; seine Hände waren zu Fäusten geballt. »Ich bin alt, Eragon ... so alt. Obwohl sie meinen Drachen getötet haben, lebte ich länger als die meisten anderen. Du weißt nicht, wie es ist, mein Alter zu erreichen und zu merken, dass man sich an vieles nicht mehr erinnert - und dann schaut man nach vorn und weiß, dass noch viele Jahre vor einem liegen ... Nach all der Zeit trauere ich immer noch um meine Saphira ... und ich hasse Galbatorix dafür, dass er sie mir genommen hat.« Sein fiebriger Blick durchbohrte Eragon, als er leidenschaftlich sagte: »Lass nicht zu, dass dir dasselbe widerfährt! Beschütze Saphira mit deinem Leben, denn ohne sie ist es nicht mehr lebenswert.«
»Sag so etwas nicht. Ihr wird nichts geschehen«, entgegnete Eragon besorgt.
Brom drehte den Kopf zur Seite. »Vielleicht schwatze ich wirres Zeug.« Sein flackernder Blick wanderte kurz zu Murtagh hinüber, dann kehrte er wieder zu Eragon zurück. Broms Stimme wurde kräftiger. »Eragon! Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Die Wunde ist … tief; sie saugt meine Lebenskraft aus. Ich habe keine Energie, um dagegen anzukämpfen. Nimmst du ... meinen Segen an, bevor ich sterbe?«
»Alles wird gut werden«, sagte Eragon mit Tränen in den Augen. »Das ist nicht nötig.«
»So ist nun mal der Lauf der Dinge ... Doch, es ist nötig. Nimmst du meinen Segen an?« Eragon senkte den Kopf und nickte beklommen. Brom legte ihm eine zitternde Hand auf die Stirn. »Dann gebe ich ihn dir. Mögen die nächsten Jahre dir großes Glück bringen. « Er bedeutete Eragon, näher heranzurücken. Ganz leise flüsterte er ihm sieben Worte aus der alten Sprache zu, dann erklärte er ihm noch leiser, was sie bedeuteten. »Das ist alles, was ich dir mitgeben kann. Benutze sie nur in größter Not.«
Broms Blick wanderte zur Decke hinauf. »Und jetzt«, murmelte er schwach, »beginnt das größte aller Abenteuer ...«
Weinend hielt Eragon seine Hand und tröstete ihn, so gut er konnte. Geduldig saß er am Sterbebett des alten Mannes. Während die Stunden verstrichen, legte sich eine graue Blässe über Broms Gesicht, und seine Augen wurden allmählich trübe, seine Hände eiskalt. Eragon musste hilflos mit ansehen, wie die Stichwunde, die der Ra’zac Brom zugefügt hatte, ihren Tribut forderte.
Als in den frühen Abendstunden die Schatten länger wurden, wurde Brom plötzlich steif. Eragon rief seinen Namen und bat Murtagh um Hilfe, aber sie konnten nichts mehr für ihn tun. In der bleiernen Stille, die sich über sie legte, trafen sich die Blicke der beiden Weggefährten ein letztes Mal. Dann legte sich ein zufriedener Ausdruck über das Gesicht des alten Mannes und ein sanfter Atemhauch entströmte seinen Lippen. Und so geschah es, dass Brom, der Geschichtenerzähler, starb.
Mit zitternden Fingern schloss Eragon Brom die Augen und stand auf. Hinter ihm hob Saphira den Kopf und brüllte wehklagend zum Himmel empor. Tränen liefen über Eragons Wangen, als ihm bewusst wurde, welch schrecklichen Verlust er erlitten hatte. Mit stockender Stimme sagte er: »Wir müssen ihn begraben.«
»Man könnte uns sehen«, warnte ihn Murtagh.
»Das ist mir egal!«
Murtagh zögerte einen Augenblick, dann trug er Broms Leichnam zusammen mit seinem Schwert und seinem Stab aus der Höhle. Saphira folgte ihnen. »Ganz nach oben«, sagte Eragon mit brüchiger Stimme und deutete zum Gipfel des Sandsteinhügels.
»Man kann in dem Gestein kein Grab ausheben«, widersprach Murtagh.
»Ich schon.«
Eragon kämpfte sich mühsam zum Gipfel empor, behindert durch seine angebrochenen Rippen. Murtagh legte Brom behutsam nieder.
Eragon rieb sich die Augen und bohrte seinen Blick in den Sandstein. Mit einer kurzen Handbewegung sagte er: »Moi Stenr!« Der Stein kräuselte sich. Er zerfloss wie Wasser und bildete im Boden eine Vertiefung, die so lang wie Broms Leichnam war. Den Sandstein wie feuchten Lehm formend, ließ Eragon hüfthohe Mauern aus dem Boden wachsen.
Sie legten Brom mit Stab und Schwert in das unfertige Sandstein-Mausoleum. Eragon trat einen Schritt zurück und gab dem Gestein mit Zauberkraft seine endgültige Form. Die Mauern schlossen sich über Broms reglosem Gesicht und wuchsen in die Höhe, bis sie ein hoch aufragendes, facettiertes Spitzdach bildeten. Als letzte Ehrerbietung schrieb Eragon in den Stein:
HIER RUHT BROM
Der ein Drachenreiter war Und für mich
Wie ein Vater
Möge sein Name ruhmvoll weiterleben
Dann neigte er das Haupt und ließ seiner Trauer freien Lauf. Er stand da wie eine lebende Statue, bis gegen Abend das Licht vom Lande schwand.
In der Nacht träumte er wieder von der gefangenen Frau.
Er konnte erkennen, dass ihr etwas fehlte. Ihr Atem ging unregelmäßig und sie zitterte am ganzen Leib - ob vor Kälte oder vor Schmerz, wusste er nicht. Im Halbdunkel des Verlieses war nur ihre Hand, die über den Rand des Strohbetts hinausragte, deutlich zu erkennen. Eine dunkle Flüssigkeit tropfte von den Fingerspitzen. Eragon wusste, dass es Blut war.